Holzwickede – Rathaus Holzwickede
19. Fortsetzung
03.07.2025
Mit der katholischen Kirche wird rasch ein Staatsvertrag - Reichskonkordat vom 20.Juli 1933 - zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich vereinbart und schafft für die Gläubigen unzweifelhafte Verhältnisse und es folgte damit „eine diskussionslose Ruhe“ in den kirchlichen Gemeindestrukturen.
Die evangelische Kirche spaltet sich aber mit den Deutschen Christen und Akzeptanz des totalitären NS-Anspruchs auch bis in die Kirchenstrukturen hinein und zu den Gläubigen der Bekennenden Kirche die eine völlige Trennung von Kirche und Staat weiterhin erwarten. An dieser Stelle aber der Hinweis, dass die evangelische bekennende Gruppierung sich damit nicht allgemein bis zur Widerstandsbewegung im Dritten Reich entwickelte, auch wenn einzelne Vertreter z.B. Bonhoeffer dies vermuten lassen.
Es entstand aber durchaus ein Kirchenkampf unter den verschiedenen Ansichten und in Holzwickede deutlich in augenscheinlicher Form auf lokaler Ebene.
Seit dem Jahr 1912 besetzte Pastor Walther Sattler das evangelische Pfarramt in Holzwickede.
Er war ein beliebter Seelsorger, der sich auch zudem in Buchform zur Geschichte von Holzwickede anerkannt beschäftigte, aber der NS-Bewegung distanziert gegenüber stand
Aus der Geschichte und Vorgeschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Holzwickede
Ein zunächst nur scheinbar ungetrübtes Verhältnis der NASDAP zur evangelischen Kirchengemeinde in Holzwickede änderte sich schlagartig im Jahr 1933 und der NS-Gemeindevorsteher Friedrich Wilhelm Spring im Zusammenhang mit Dr. Karl Lotz wünschten sich sofort ein Pfarramt besetzt in Form der Deutschen Christen mit Akzeptanz der NS-Priorität bis in die kirchlichen Belange und Verwaltung hinein.
Polemisch wurde öffentlich gegen Sattler agiert, beim Münsteraner evangelischem Konsistorium die Suspendierung vom Pfarrdienst erreicht und bei der Kirchenwahl bereits im Juli 1933 gewann die NS-gewünschte Liste Spring „Glaubensbewegung Deutsche Christen“.
Gewählt zog als Nachfolger von Sattler der Pfarrer Albert Schäfer auf der Basis deutschchristlicher Einstellung in das Pfarrhaus und bei der Amtseinführung wehte neben der Kirchenfahne die Fahne des Dritten Reiches – so nach Willy Timm und seinem ergiebigen Buch Holzwickede aus dem Jahr 1988. Die unter Schäfer geplante Vereinnahmung des alten evangelischen Frauenvereins in seine neue NS-freundliche eigene Frauenvereinsstruktur einzubinden, führte zur zunehmend unversöhnlichen Abgrenzung zwischen den Anhängern der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen. Schäfer verbarrikadiere den Kirchen –eingang für die Bekennende Gemeinde, die in den Saal Herkelmann auswich und nach polizeilichem Verbot dort mit Sonderzügen nach Unna zum Gottesdienst fuhr. Der evangelische Kirchenkampf eskalierte weiter unter der Unnachgiebigkeit spez. auf Seiten von Pastor Schäfer, beeinträchtigte auch die Kindergartenszene und ich verweise auf Willy Timm und seine detaillierten Ausführungen.
Sowohl der ehemalige Gemeindevorsteher Theodor Rieke und auch der Pfarrer Walther Sattler hatten ihre Ämter und ihre Tätigkeiten unter der NS – Zeit in Holzwickede aufgegeben und waren aber in Kontakt geblieben s. nachfolgende Postkarte vom 26.5.1939 von Holzwickede nach Kirchbauna (aktuell Baunatal und neue Wirkstätte damals von Sattler).
Erst tragischerweise der beginnende Krieg 1939 führte unter den betroffenen unterschiedlichen Lagern zu Beruhigung im Kirchenkampf. Pastor Schäfer eingezogen zum Kriegsdienst verließ nach Kriegsende (Abberufung durch kirchlichen Spruchkammerbeschluss 1947) dann die Gemeinde Holzwickede und ein friedlicher Neuanfang gelang mit dem berufenen Hilfsprediger Kandzi (später Superintendant). Die evangelischen Gläubigen fanden wieder zusammen und ein neues Gemeindehaus konnte neben dem Pfarrhaus geplant und 1950 errichtet werden.
dazu noch eine Bausteinkarte aus dem Jahr 1949
und bei der Grundsteinlegung hielt Pfarrer W. Sattler die Festrede
Aber zurück in das Jahr 1934 und zum Gemeinderat. Schon im Jahr 1928 war über die Möglichkeit einer Badeanstalt diskutiert worden, aber die finanzielle Lage führte dann erst im Jahr 1933 zum Baubeschluss, den die lokalen Nationalsozialisten in ihrer unvermeidlichen Propagandamanie zu vereinnahmen wussten. Die Gemeinde Holzwickede pachtete das Gelände von der VEW (Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen) über 99 Jahre am Holzwickeder Bach in den „sauren Wiesen“ am Steinbruch zum Liedbachtal. Durch die Übernahme des Schulzenhofes im Jahr 1897 war die Zeche Caroline in den großflächigen Besitz gekommen und wurde ihrerseits im Jahr 1927 von den VEW übernommen.
Bis dahin war das Wellenbad an der Ruhr Ausflugsziel und Badeort der Holzwickeder Bürger
Lithografie links Poststempel 1903 und rechts Fotoansichtskarte Poststempel 1935
Das Wehr wurde 1938 im Rahmen der Trinkwassergewinnung entfernt, die Bademöglichkeit endete und Holzwickede hatte nun mit seinem Freibad eine phantastische Alternative zu bieten
Links oben eine Bauphase mit Erdaushub ( Foto aus HSV – Heimatkalender `94) unter zusätzlichem Einsatz von Arbeitslosen. Das Beckenmaß war mit 50m Länge und der Tiefe von 1,80m bis 4,25m (letztere Angabe bezieht sich auf die Tiefe unter dem 5m Sprungturm) und damit war das Schwimmbad nach den sportlichen Richtlinien „wettkampftauglich“. Das Gebäude mit Turm enthielt eine Wohnung für den Schwimmmeister und Badtechnik. Gefiltert wurde das Schwimmbadwasser aus dem gestauten Holzwickeder Bach und der benachbarte Steinbruch diente als Wasserreservoir. Das Gelände (sog. „saure Wiese“) stammte von der VEW als Besitzer der Zeche Caroline und dem Kauf des benachbarten Schulzenhofes im Jahr 1913. Der Pachtvertrag war auf 99 Jahre angelegt mit möglichem vorzeitigem Kündigungsrecht.
Einweihungsfeier am 26.August 1934 durch Gemeindevorsteher Spring in NS – Inszenierung. Eine Hakenkreuzfahne wehte fortan auf dem Aussichtsturm (auf der Plattform war ein wunderbarer Ausblick über das Gelände möglich). Folgend einmal ein seltener Fotoblick von dieser Plattform über das Freibadgelände im Jahr ca. 1938 auf die Beckenlandschaft und den Umkleidebereich (zu Beginn waren es ausrangierte Waggons der Reichsbahn). Ferner der 5m Sprungturm und die Wiederholt-Rutsche am Beckenrand
Über 6 Jahre wurde zwischen der Gemeindeverwaltung und VEW über Nutzung des anliegenden östlichen Waldstückes heftig gestritten. Die Gemeinde vertrat die Ansicht der Mitnutzung aus dem Mietvertrag und VEW widersprach vehement dieser Meinung, duldete aber die Waldnutzung durch die Besucher. Im Jahr 1938 eskalierte die Angelegenheit bis zur Androhung der Kündigung des Mietvertrages durch die VEW und rechtliche Klärung vor Gericht. Andererseits hätte die Kündigung die Entschädigung der Schwimmbadbauten zur Folge gehabt und die VEW – Nutzung des Bades in eigener Regie schien nicht opportun. Es kam zur interessanten Einigung im Jahr 1939 und die Gemeinde (vertreten durch Bürgermeister Spring) kaufte das Gelände des Schwimmbades und die Caroline – Dortmund (vertreten durch Baudirektor Gensel mit Vollmacht für die Caroline) stimmte zu mit Maßgabe, dass das oben erwähnte Waldstück abgetrennt mit einer Zaunanlage zum Freibadgelände im alleinigen Besitz der VEW bzw. Caroline bleibt. Ich denke für 4800 Reichsmark für die Gemeinde ein günstiges Ende der Querelen, zumal später ein Wiesengelände westlich zum Freibadgelände als Liegewiese im Grundstücks-Tausch-Geschäft erneut mit der Caroline gelingen sollte.
Das Freibad „Schöne Flöte“ war und ist ein beliebter regionaler und überregionaler Anziehungspunkt und vielleicht an späterer Stelle einmal noch Hinweise zum erforderlichen Umbau bedingt auch durch die Schäden beim Luftangriff am 23. März 1945 und die Neugestaltung im Jahr 1965/66 und noch einmal Anfang der 1980er Jahre. Dazu ein Bildensemble und danke Copyright H. Blossey. Freibad Schöne Flöte wäre schon ein eigener möglicher Menüpunkt wert. Links oben erster Umbau 1966 und Turmgebäude noch erhalten, rechts unten aktuelle Entwicklungsstand nach 1983.
Zum Jahresende 1934 ist noch die erste (?) Sammelaktion des Winterhilfswerk (WHW) in Holzwickede erwähnenswert. Auch im allgemeinen Spendenbereich erfolgte die Zentralisierung unter der NS – Regie, um bedürftige Volksgenossen zu unterstützen. Das WHW war eine Stiftung öffentlichen Rechts mit Sitz in Berlin und arbeitete in Abstimmung mit der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV)
1940 war auch im Maschinenstempel EIN VOLK HILFT SICH SELBST der
Kriegsfall angekommen mit Stahlhelm und Eichenblatt und KRIEGS-WHW
Dazu einmal ein Bild zur Winterhilfswerk -Sammlung in Holzwickede durch das Deutsche Rote Kreuz mit Pferdewagen vor dem Rathaus. Es wurden nicht nur Geldspenden eingesammelt, auch Sach- und Kleiderspenden waren erwünscht.
Ab dem Jahr 1934 wurden die Sammelaktionen des WHW zum Tag der Nationalen Solidarität erklärt mit Rundfunkrede des Führers Adolf Hitler und auch NS-Funktionäre traten mit Sammelbüchsen öffentlich in Aktion. Die HJ sammelte an den Haustüren die zuvor verteilten Spendentüten ein. SA, SS, BDM und DRK wurden eingespannt, automatische Gehaltseinziehungen vom Lohn folgten und das WHW entwickelte sich zur durchaus kapitalstarken „Zwangssammlung“ im Deutschen Reich.
Fortsetzung folgt