Holzwickede – Rathaus Holzwickede
15. Fortsetzung
08.06.2025
In der Baubeschreibung von Amtsbaumeister Stricker finden sich dann noch Ausführungsanmerkungen zu den Materialverwendungen z.B. in den Bereichen Fußböden mit Parkett, Fliesen oder Linoleum und die Holzvarianten der verschiedenen Türen usw. Seine Kostenkalkulation gibt abschließend den Betrag von 83.000 Mark an.
Am 21.10.1915 ist ein Teilbezug möglich und beginnt mit der ersten Gemeinderatssitzung unter dem Amtmann Leonhard aus Aplerbeck im Beratungszimmer des Rathauses und wohl auf der obigen Planungsskizze als Vorsteherzimmer angeführt. Die erste Ansichtskarte (s.o.) tituliert den Neubau völlig berechtigt mit GEMEINDEHAUS als Verwaltungsgebäude, denn die Ratsverwaltung war zunächst noch weiterhin in Aplerbeck, dennoch bürgerte sich rasch der Begriff RATHAUS ein. Im 1. Stock waren zunächst 2 Wohnungen für den Gemeindesekretär Trümper und den Leiter der Sparkassenzweigstelle eingerichtet worden und wurden schon im Winter 1915/1916 bezogen. Der Ausbau des Dachgeschosses erfolgte trotz der Kriegszeiten im Jahr 1918 und dort waren Wohnräume für den Hauswart und für den Wirt des geplanten Ratskellers vorgesehen. Da der Ratskeller als Gaststätte trotz kreisamtlicher Genehmigung zunächst nicht ausgeführt wurde, erfolgte eine Vermietung ohne mir bekannte nähere Angaben.
Im Kriegsjahr 1916 waren fast 1000 Männer aus Holzwickede als Soldaten oder im Landsturm eingezogen bei registrierter Einwohnerzahl von ca. 6500 und auch die Heimat steckte im Kriegsdesaster.
Deutschland war vor dem ersten Weltkrieg weit entfernt von einer Eigenversorgung mit Nahrungsmitteln und bezog fast ein Drittel aus dem Ausland ! Mit Kriegsbeginn hatten die westlichen Kriegsgegner spez. das britische Imperium sofort Handelssanktionen beschlossen und sogar eine Seeblockade eingerichtet und es fielen natürlich auch die russischen Getreideimporte aus mit der Folge einer zunehmenden Mangelversorgung im Deutschen Reich.
Zwangsbewirtschaftung, Lebensmittelkarten usw. waren die Folge. Ein nasser Herbst 1916 vernichtete weitgehend die Kartoffelernte und Nahrungsersatz in allen Varianten wurde die Steckrübe. Die Literatur spricht vom Steckrübenwinter 1916/1917 und die Bevölkerung von der Steckrübe als Hindenburgknolle (Generalfeldmarschall und Führer der obersten Heeresleitung von 1916 bis 1918 im 1.Weltkrieg).
Die Gemeindeverwaltung lagerte schon seit Kriegsbeginn Nahrungsmittel zur Notversorgung ein und in Holzwickede im „ungenutzten Ratskeller“ mit Erbsen, Bohnen, Kartoffeln usw. und in Holzwickede spez. aber auch ein Waggon Reis. Die Mütter lehnten zunehmend den für ihre Kinder ungewohnten Reis ab und beschwerten sich dann aber bei zunehmender Nahrungsnot im Nachhinein über die Weiterabgabe an die benachbarte Gemeinde Sölde.
Das Jahr 1917 brachte zu Beginn zusätzlich einen Kälteeinbruch und bei mangelhafter Kohlenversorgung wurde vielfach dann in den Wohnungen ungeheizt gefroren und die Gasthäuser hatten allgemein um 22 Uhr zu schließen. Der Sommer 1917 plagte dann dagegen mit einer Hitzeperiode.
Auch in der „Heimatfront“ starben so 1 Millionen Deutsche an Hunger begünstigt durch ferner mangelhafte Hygiene (Seifenmangel) und die Pandemie der sog .spanischen Grippe ab Ende 1918 brachte geschätzt weitere 300.000 Tote in Deutschland und damit die endgültige Desolation mit Verzweiflung und Depression und dies noch verstärkt bei Verlust von Angehörigen an der Kriegsfront oder Rückkehr mit Verstümmelungen.
Die 1. Ratssitzung nach dem Krieg ist wohl mit dem 19.3.1919 festzuhalten, der Amtmann Leonhard aus Aplerbeck sprach einleitende Worte und die Zusammensetzung der 13 Gemeindevertreter erfolgte nach neuem Wahlrecht und führte damit zur Vergrößerung der Zahl der bisherigen Mandatsträger. Das alte 3Klassen-Wahlrecht war in Deutschland abgeschafft worden und war noch nach der Steuerkraft der Einwohner gestaffelt. So waren in Holzwickede im alten System 15 Bürger stimmberechtigt in der 1.Klasse und stellten mit 1,3% Bevölkerungsanteil an der Gemeinde 1/3 der Wahlberechtigten! Weitere 200 Bürger und damit 20% der Bevölkerung erhielten als 2. Klasse ebenfalls 1/3 Stimmanteil und 896 Einwohner standen als 3. Klasse das restliche Drittel der Ratssitze zur Verfügung. Wer keine Steuern zahlte aber auch Frauen hatten kein Stimmrecht. Der vergrößerte Gemeinderat nach dem Krieg tagte im Gesellschaftsraum des geplanten Ratskellers. Dokumentiert sind aus dieser Zeit heftige Diskussionen zwischen Zechendirektor Tengelmann (Volkspartei) und Bergmann Josef Kiel (SPD). Unter Tengelmann wurde die Bepflanzung des Marktplatzes beschlossen, die auch aus heutiger Sicht den stilvollen Rahmen abgibt und die Weinanpflanzung ist ein dekoratives „Wahrzeichen“ des Rathauses in Holzwickede geworden. Die Abrechnung des Baugeschehens wurde mit 109.000 Reichsmark für das Gesamtgebäude abgeschlossen (damit 30% Überschreitung der Erstkalkulation) und bei den Neuwahlen aller Kommissionen wurde Karl Luicke als Gemeindedirektor in seinem Amt bestätigt.
Die folgende Ansicht datiert ebenfalls aus dem Bereich um das Jahr 1920
Man erkennt nun die angelegte Bepflanzung. Links im Hintergrund erneut das Haus Urpialek und ehemalige Poststelle. Rechts kommt der Turm der Feuerwehr am Rande der Aufnahme zur Darstellung.
Mit dem Kriegsende wurde im Herbst 1918 eine Infanteriedivision in Holzwickede mit ihren zentralen Bahnverbindungen stationiert und mit der Aufgabe von Demobilisierungs-Maßnahmen betreut. Dazu wurde im Rathaus eine Schreibstube etabliert, im unbenutzten Ratskeller statt Nahrungsmittel nun Waffen und Militärgut gelagert und die Divisionsfahrzeuge östlich der evangelischen Kirche stationiert. Die Bewachungssoldaten machten aus Langeweile nach Überlieferung nun gelegentlich aber Schießübungen auf den Kirchturmhahn!
Klempnermeister Frohwein hat dann bei notwendigen Dachreparaturen der evangelischen Kirche in schwindelnder Höhe den zerschossenen Hahn bei der Gelegenheit gleich mit restauriert.
Im Jahr 1919 belegte die Steuerhebestelle ihre vorgesehenen Räume im neuen Gemeindehaus.
Nachfolgend ein Dokument der Steuerhebestelle Holzwickede aber aus dem Jahr 1938.
und im Jahr 1919 bezieht Polizeikommissar Berlitz im Rathaus sein geplantes Quartier
Der sog. Friedensvertrag von Versailler (Mai 1919) - bis dahin ausgehandelt durch die Siegermächte ohne Anwesenheit und Beteiligung Deutschlands - war der deutschen Bevölkerung unter den politisch geschwächten Verhältnissen der Weimarer Republik als Diktatfrieden schwierig als friedensstiftend zu vermitteln.
Nach Tagung der Siegermächte wurde der deutschen Delegation im
Trianon Palace Hotel, Versailles ultimativ am 19.5.1919 ein Vertragsentwurf vorgelegt.
Die Landkarten wurden zum Entsetzen der betroffenen und dort heimischen deutschen Bewohner neu gezeichnet, Reparationsleistungen belasteten Regierung und Bevölkerung massiv im ungeübten Demokratieversuch und allgemeine politische Zersplitterung mit Orientierungslosigkeit bestimmten die teils entsetzliche Nachkriegszeit und legten wohl anscheinend damit bereits den Grundstein für radikale Kräfte frei gleich ob von links oder rechts und letzte Kämpfe zwischen bewaffneten Arbeitern („Rote Armee") und Reichswehr finden Ostern 1920 in Holzwickede ihr Ende.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland der Weimarer Republik waren für die breite Bevölkerung desolat, die lokale Zeche Caroline geriet zudem in „schwieriges Gewässer“ und 1919 traten erste Gerüchte auf zur Beendigung der Bergarbeiten zumal hier die Verhältnisse durch kleine Flöze im Vergleich zu anderen Kohlengruben im Ruhrgebiet besonders prekär waren. Hinzu kamen erneut klimatische Extreme mit einem trockenen Sommer 1921 dem ein kalter Winter folgte bis in den April 1922.
Die weitere Nutzung der geplanten Rathausgastronomie nach Abzug der Demobilisierungs – Division erfolgte mit der Einquartierung im Jahr 1920 der 1. Klasse der katholischen Nordschule (vorübergehend dort im Südflügel etabliert, dort gebaut im Jahr 1908). Im Oktober 1924 zog die katholische Schulklasse zurück in den Südflügel der Nordschule und die Gemeindebibliothek belegte die Ratskellerräume.
Im Januar 1922 bezog auch das Standesamt den vorgesehenen Raum im Rathaus.
Hunger, Wohnungsnot, Verkehrsprobleme bis zum Eisenbahnerstreik, politische Unruhen, Kapp-Putschversuch kennzeichneten die junge Zeit der Weimarer Republik und Schulkinderspeisung (s. Quäkersekte Amerika) linderte zumindest die Not der Bevölkerung.
1921 und übrigens noch einmal 1928/29 gab es schon interessanterweise Verhandlungen im Gemeinderat zum Zusammenschluss der Gemeinden Holzwickede, Opherdicke und Hengsen, die jedoch jeweils am Einspruch der Haarstrangdörfer erfolglos blieben!
Das Jahr 1923 sollte gravierende Veränderungen mit sich bringen. In dieser Zeit wird der Reparationsdruck der Siegermächte des 1. Weltkrieges immer größer. Die französische Hüttenindustrie forderte mehr Kohlen aus den Ruhrbergwerken und im November erfolgte zur Durchsetzung die Besetzung des Ruhrgebietes mit 60000 französischen Soldaten.
Oben deutsch-französische Grenze 1919 links und Ruhrbesetzung 1923 (© Harenberg) rechts bis zur Folge einer verhängten Ausgangssperre für die Bevölkerung in den Nachtstunden von 21Uhr bis 5 Uhr morgens ! Östlich reichte die Ruhrbesetzung bis einschließlich Aplerbeck und Holzwickede war nicht mehr direkt tangiert und erlebte dennoch die Auswirkungen mit dem „stillem Widerstand“ durch die deutsche Bevölkerung. Die Reichsbahn im besetzten Bereich wird von den Franzosen übernommen und der Bahnhof Holzwickede registriert Rückgang der Zugbewegungen um 60 Prozent.
Die Hochinflation setzt ein und es resultiert eine extrem katastrophale Ernährungs- und Wohnlage der Bevölkerung. Der politische Druck aus den USA und England auf Frankreich führt zum Dawes – Plan und die Franzosen verlassen das Ruhrgebiet zum Jahr 1925. Es folgt die Einführung einer neuen Währung mit der sog. Rentenmark.
Fortsetzung folgt