Holzwickede Kellerkopfdenkmal
2. Fortsetzung
17.12.2025
Im Kriegsjahr 1916 waren fast 1000 Männer aus Holzwickede als Soldaten oder im Landsturm eingezogen bei registrierter Einwohnerzahl von ca. 6500 und auch die Heimat steckte im Kriegsdesaster.
Deutschland war vor dem ersten Weltkrieg weit entfernt von einer Eigenversorgung mit Nahrungsmitteln und bezog fast ein Drittel aus dem Ausland ! Mit Kriegsbeginn hatten die westlichen Kriegsgegner spez. das britische Imperium sofort Handelssanktionen beschlossen und sogar eine Seeblockade eingerichtet und es fielen natürlich auch die russischen Getreideimporte aus mit der Folge einer zunehmenden Mangelversorgung im Deutschen Reich.
Zwangsbewirtschaftung, Lebensmittelkarten usw. waren die Folge. Ein nasser Herbst 1916 vernichtete weitgehend die Kartoffelernte und Nahrungsersatz in allen Varianten wurde die Steckrübe. Die Literatur spricht vom Steckrübenwinter 1916/1917 und die Bevölkerung von der Steckrübe als Hindenburgknolle (Generalfeldmarschall und Führer der obersten Heeresleitung von 1916 bis 1918 im 1.Weltkrieg).
Die Gemeindeverwaltung lagerte schon seit Kriegsbeginn Nahrungsmittel zur Notversorgung ein und in Holzwickede im „ungenutzten Ratskeller“ mit Erbsen, Bohnen, Kartoffeln usw. und in Holzwickede spez. aber auch ein Waggon Reis. Die Mütter lehnten zunehmend den für ihre Kinder ungewohnten Reis ab und beschwerten sich dann aber bei zunehmender Nahrungsnot im Nachhinein über die Weiterabgabe an die benachbarte Gemeinde Sölde.
Das Jahr 1917 brachte zu Beginn zusätzlich einen Kälteeinbruch und bei mangelhafter Kohlenversorgung wurde vielfach dann in den Wohnungen ungeheizt gefroren und die Gasthäuser hatten allgemein um 22 Uhr zu schließen. Der Sommer 1917 plagte dann dagegen mit einer Hitzeperiode.
Auch in der „Heimatfront“ starben so 1 Millionen Deutsche an Hunger begünstigt durch ferner mangelhafte Hygiene (Seifenmangel) und die Pandemie der sog .spanischen Grippe ab Ende 1918 brachte geschätzt weitere 300.000 Tote in Deutschland und damit die endgültige Desolation mit Verzweiflung und Depression und dies noch verstärkt bei Verlust von Angehörigen an der Kriegsfront oder Rückkehr mit Verstümmelungen.
Der Fotograf Wilhelm HAGENBRUCH hielt in seinem Atelier vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts den folgenden Soldaten auf einer Aufnahme fest. Ein möglicher Hinweis zur Person wäre übrigens wünschenswert. Hagenbruch - ob seines stets vornehmen Auftretens „FRACK“ genannt - hatte seine Fotowerkstatt in einem kleinen Häuschen direkt gegenüber der evangelischen Kirche im heutigen Emscherpark gelegen. Das Fotoatelier wurde beim Bombenangriff am 23.3.1945 zerstört. Der als distanziert geltende Hagenbruch war übrigens taubstumm und vermutlich rührte daher sein „schweigsames und bestimmendes “ Auftreten her, was bei Fotos nach Hörensagen zappelige Kinder durchaus ruhig stellte. Nachfolgend Atelier Hagenbruch im heutigen Emscherpark Ecke Parkstraße – Allee und vor der evangelischen Kirche gelegen (rechts Arzthaus Dr. Feldmann, vorher Wohnsitz Zechendirektor Tengelmann).
Die nachfolgende Ansichtskarte stammt ebenfalls aus dem Verlag und Photo-Atelier von Wilhelm Hagenbruch in Holzwickede und dokumentiert das Kriegswahrzeichen (Holzscheibe) der Gemeinde Holzwickede in seinem „ungenutzten Zustand“.
Die Holzscheibe war mit einem Lorbeerkranz umgeben mit der Königskrone, Reichsadler, Westfalenpferd und den Jahreszahlen 1914/1916. Mittig angeordnet in einem Kreis dann der Hilgenbaum als Ortswahrzeichen, darüber das Eiserne Kreuz und im unteren Kreissegment umlaufend die Inschrift MIT GOTT FÜR KÖNIG UND VATERLAND. Kriegswahrzeichen dienten reichsweit unterstützend zur Sammelaktionen für die Hinterbliebenen der gefallenen Soldaten. Die Organisation der Sammlungen wurde in der Regel von ortsansässigen Vereinen übernommen und gegen Entgeld konnten Nägel erworben werden und damit im Holzbrett eingeschlagen werden. Solche Nagelbretter wurden in den Jahren 1915 und 1916 der Bevölkerung angeboten und waren ab dem 3. Kriegsjahr 1917 bei allgemeiner Verarmung kaum noch vertreten. Das Holzwickeder Kriegswahrzeichen ist erhalten geblieben und kann in der Heimatstube des historischen Vereins mit zahlreichen Plaketten und Nagelspuren dort eindrucksvoll besichtigt werden. Nach den Protokollen des damaligen Kavallerievereins in Holzwickede konnte so von Januar bis Ostern 1916 von Vereinen, Privatpersonen, Schulklassen und Institutionen die Summe von 3500,00 Mark eingesammelt werden (entspräche der heutigen Kaufkraft von ca. 15000 Euro).
Die Westfront war im tödlichen Stellungskrieg im Jahr 1918 nach 4 Kriegsjahren erstarrt und die Niederlage des Deutschen Reiches mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 1.November 1918 beendete die Kampfhandlungen mit den Unterschriften der französischen, britischen und deutschen Abordnung im Eisenbahnsalonwagen in der Nähe der nordfranzösischen Stadt Compiègne.
Der sog. Diktatfriedensvertrag von Versailler (Mai 1919) - bis dahin ausgehandelt durch die Siegermächte ohne Anwesenheit und Beteiligung Deutschlands - war der deutschen Bevölkerung unter den politisch geschwächten Verhältnissen der Weimarer Republik schwierig als friedensstiftend zu vermitteln.
Nach Tagung der Siegermächte wurde der deutschen Delegation im
Trianon Palace Hotel, Versailles ultimativ am 19.5.1919 ein Vertragsentwurf vorgelegt.
Die Landkarten wurden zum Entsetzen der betroffenen und dort heimischen deutschen Bewohner neu gezeichnet, Reparationsleistungen belasteten Regierung und Bevölkerung massiv im ungeübten Demokratieversuch und allgemeine politische Zersplitterung mit Orientierungslosigkeit bestimmten die teils entsetzliche Nachkriegszeit und legten wohl anscheinend damit bereits den Grundstein für radikale Kräfte frei gleich ob von links oder rechts.
Erwähnt werden muss aus dieser Zeit und in diesem Zusammenhang der Weltkriegssoldat ADOLF HITLER, der im Kriegslazarett PASEWALK im Oktober 1918 mit einer kriegsbedingten Senfgasvergiftung (in diesem Fall vorübergehende Erblindung nach Augenverätzung) eingeliefert wurde. Um diesen 4wöchigen Lazarettaufenthalt ranken sich etliche Spekulationen. Hitler wird im Lazarett am 10. November 1918 mit der Abdankung des Hohenzollernhauses und der Republikausrufung ein hysterischer Anfall zugeschrieben mit anhaltender hasserfüllter Radikalisierung gegen ehemalige Kriegsgegner und Juden und fasste nach eigener Aussage dort den Entschluss, ob der katastrophalen Zustände in Deutschland nun selbst Politiker zu werden, um Deutschland „zu retten“.
"Ich aber beschloß Politiker zu werden"“
Diese Entscheidung sollte dann später 50 Millionen Menschen das Leben kosten.
Hitlers Erinnerung an Pasewalk in seinem Buch Mein Kampf ist ein lesenswertes Detail und um diese Gegebenheit ranken sich zahlreiche Spekulationen. Die KRANKENAKTE HITLERS ist seltsamerweise verschwunden bzw. unvollständig. Bernhard Horstmann hat dazu ein Buch im Jahr 2004 verfasst Hitler in Pasewalk: Die Hypnose und ihre Folgen. Er postuliert eine psychiatrische Behandlung daraufhin im Lazarett mit folgenschwerem suggeriertem Größenwahn unter Hypnose durch Professor Dr. Edmund Forster. 1933 im Jahr der Machtergreifung Hitlers beging Forster im Alter von 55 Jahren unter nicht geklärten Umständen Selbstmord.
Das Kriegslazarett wurde von den Nationalsozialisten zur Weihestätte erkoren und das Lazarett wurde im Jahr 1934 von der Nationalsozialistische Hausgenossenschaft Pommern GmbH erworben. Nach Abriss wurde hier ein Kultbau errichtet und nachfolgend eine entsprechende Ansichtskarte. In der Regel zierte aber die Hakenkreuzfahne den Mast nach Einweihung durch Rudolf Hess im Jahr 1937.
In der Ehrenhalle stand eine angestrahlte Büste von Adolf Hitler und darüber sein Spruch
"Ich aber beschloß Politiker zu werden"
Der Bildhauer Fritz Richter – Elsner hatte übrigens die Hitler – Büste geformt
Im Zusammenhang mit dem Kriegerdenkmal Kellerkopf werden insgesamt drei Denkmäler aus unserer Region von Fritz Richter – Elsner in der Weimarer Republik später vorgestellt.
Ferner kann eine weitere Ansichtskarte mit Vorstellung eines Mosaiks (Entwurf G.Gruber) in der dortigen Eingangshalle in Pasewalk vorgestellt werden mit der umlaufenden Inschrift:
DIE SORGE UM DEUTSCHLAND – WIE EIN BRENNEND FEUER IM HERZEN TRUG
- WURDE IN DIESE STÄTTE EIN SOLDAT GEBRACHT - ANNO 1918
Dazu ein Soldat als Drachentöter und ein „Engel“ bringt die Flamme der Erneuerung
Hitler, der die Weihestätte angeblich nie betreten hat, erhielt dann nicht die „Flamme der Erneuerung sondern leider den Wahnsinn zur Vernichtung“.
Nach der vorstehenden kurzen Situationsschilderung zum 1. Weltkrieg bezüglich West- und Heimatfront nachfolgend nun die Folgen des 1. Weltkrieges für das Reserve Infanterie – Regiment Nr. 130 in Metz .
5000 tote Soldaten waren im Regiment nach etlichen Angriffsschlachten und im Stellungskrieg zu registrieren und Schmerz und Trauer waren für die betroffenen Familien die Folge und durchaus auch die Sorge um Kriegsverletzte mit Extremitätenverlust oder den schwersten Kopfverletzungen mit Erblindungen, Taubheit und Lähmungen.
In diesem Zusammenhang durchaus einmal ein Blick auf Dr. August Bier
August Bier (*24.11.1861 † 12.3.1949) wurde auf dem 71. dt. Ärztetag mit einem Sonderstempeleinsatz am 22.5.1968 bedacht. Nach dem Studium zeichnet sein Lebensweg vielfältige Stationen unter anderem als erfolgreicher Chirurg mit Einführung der Periduralanästhesie (mit dem Amerikaner Corning auch Erstanwender), Hochschullehrer, Protagonist der Sportbewegung seiner Zeit, Marinegeneralarzt im 1. Weltkrieg. Schreckliche Erfahrungen in den Kriegslazaretten führten unter seiner Regie zur Empfehlung und Entwicklung des Stahlhelms (M1916). Den Krieg konnte er nicht heilen, aber mit dem Stahlhelm die Zahl der furchtbaren Kopfverletzungen reduzieren.
Ich habe einmal die Zahl der Stahlhelme auf deutschen Briefmarken (1935 – 1945) unter der Lupe ermittelt und bin auf 55 Soldaten auf 17 Briefmarken gestoßen. Obwohl meinerseits nicht mit Ausgaben aus Russland, China und Nordkorea verglichen, liegt hier vermutlich ein deutscher philatelistischer Rekord vor und ein weiterer schrecklicher Hinweis auf das Negieren schrecklicher Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg nur 20 Jahre zuvor.
Die Angehörigen aus dem Kreis der 130er hauptsächlich aus Schwerte und Westhofen nutzten nun in der Nachkriegszeit den sonntäglich üblichen Spaziergang häufig zur Einkehr in der Gastwirtschaft „Zur Waldlust“ bei dem Wirt Karl Pampus auf dem Kellerkopf in Hengsen, der vielfach das Leid der Hinterbliebenen vernahm.
Gaststätte Karl Pampus Zur Waldlust , Kellerkopf
Dazu folgend die Topografie mit Opherdicke, Hengsen, Lichtendorf und Sölderholz
Detail zu Hengsen mit dem Kellerkopf als westlichster u. mit 200m ü.M. auch höchster Punkt. Beachtenswert die völlige Bewaldung im Bereich Keller, Hengserheide und Jungholz.
Oberhalb des roten Pfeils ist der Ortsteil Keller aufgeführt auf einer Topografie ca. Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Der rote Pfeil markiert hier schon die Stelle für das Kriegerdenkmal Kellerkopf.
Das gesamte Gebiet Keller, Hengserheide und Jungholz dicht bewaldet.
Fortsetzung folgt