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Ruhrtal 1000 Jahre - von Lappenhausen bis zum Wellenbad.

4. Fortsetzung

18.09.2026

An dieser Stelle doch noch durchaus der laienhafte Versuch  die landwirtschaftlichen Verhältnisse  im Mittelalter und ihre Entwicklung im groben Überblick vorzustellen.

Letzten Endes  bestand ein Problem der  Standespolitik zwischen  privilegierter  Oberschicht und dem einfachen Volk gleich ob in den Städten oder auf dem Land.  Für mich bleibt ungeklärt  die unterschiedliche Entwicklung  dieser innerdeutschen  Problematik mit ihren  doch recht diskrepanten „Lösungsaktivitäten“. Um das Jahr 1300 bis 1500 brechen diesbezüglich kriegerische  Auseinandersetzungen und Kämpfe aus – durchaus örtlich und zeitlich  nicht abgestimmt – u.a. in Franken, Pfalz, Baden, Thüringen, Tirol, Kärnten  und führen zum verallgemeinerten  Begriff  der Bauernkriege. Der Begriff ist zu eng gefasst, da auch in den Städten der nicht privilegierte Bevölkerungsanteil z.B. Zunftgesellen beteiligt waren. Grob gesagt eine anhaltende Revolutionsbewegung gegen Adel und Kirche, die auch  im Zusammentreffen mit der späteren Reformationsbewegung einen allgemeinen klassenkämpferischen Charakter hatte  und „unterhalb der Mainlinie“ stattfand unter dem Zeichen der Bundschuhe (geschnürte Lederlappen als Fußbekleidung und damit Zeichen der Armut und nachfolgend in der Fahne der  Aufständigen als Einheitssymbol).

 

aus DIE DEUTSCHE GESCHICHTE im Weltbild-Verlag 2001

Nördlich der Mainlinie sind die Bauernkriege  - mir unverständlich – ausgeblieben und dies wahrscheinlich aus unterschiedlichen wirtschaftlichen  Verhältnissen. Die Bauern waren abgabepflichtig gegenüber dem nächst höheren Grund- oder Lehnsherrn  und dies  häufig  aus dem Adel, aber dies konnte auch ein Kloster oder Stift sein, denn adlige  Hinterlassenschaften ohne Erben gingen auch häufig  an die Kirche. Die Pachtabgaben waren wohl insgesamt erträglich und der überschüssige erwirtschaftete  Eigengewinn schien der Landbevölkerung als ausreichend und die Region oberhalb der Mainlinie war wohl auch deutlich  mehr betroffen und beschäftigt durch „großpolitische Konflikte, Bedrohungen und Kriege  von außerhalb“.

Die Bauern der Mark  begaben sich daher wohl gegen Ende des Mittelalters sogar aus Sicherheitsgründen in die Leibeigenschaft = Lehen = der Adligen, um hier Schutz zu erhalten vor zunehmender Gewalt durch das menschenverachtende Verhalten der Soldaten  der Konfliktparteien in den Reformationskriegen, marodierende Soldaten   und Plünderungen von Räuberbanden. Ein Drittel der Bevölkerung fand den Tod, ganze Dörfer  lagen "wüst" und es brauchte 100 Jahre der Regeneration.

Folgend Radierung von Jacques Callot „Der Baum als Massengalgen“

als Bild und Hinweis zu den Grausamkeiten  des 30jährigen Krieges

 

In den  Schatzbüchern der Abteien und Klöster finden sich erstmals ca. Mitte des 15. Jahrhunderts genaue Angaben über die Höfe mit Gebäuden, Bewohnern und Vieh. Aus der Abgabenlast konnte auf die Hofgröße geschlossen werden. Die Größe der Höfe konnte auch an der Zahl der Spannpferde erkannt werden.

Der Dorfschulte fungierte als „Oberbauer“  und stellte häufig den jährlichen  Bewirtschaftungsplan  für die anderen Bauern auf und war auch gelegentlich im Besitz der unteren Gerichtsbarkeit.

Neben den Bauern gab es die Kötter, sie besaßen in der Regel keine Spannpferde, die Grundfläche zur Selbstversorgung war bescheiden nur in kleiner Dimension vorhanden und Nebenbeschäftigungen   z.B. als Spengler, Schmied oder Radmacher waren die Regel.

Die ärmste und letzte Stufe waren die Tagelöhner in völliger Abhängigkeit.

Der Grundherr bestimmte praktisch alles über Bebauung, Abgaben, Spanndienste und war auch bei Heirat zustimmungsbefugt. Die eigenen Kinder hatten die Hofbauer-Entscheidung zu akzeptieren. Der älteste Sohn war unbestritten Hoferbe.

Zog ein Bauernsohn daher notgedrungen in die Stadt, war er nach 365 Tagen plus 1 ein freier Mann. „Die Stadt macht frei“.

Das Zeitalter der  Aufklärung brachte aber nach 1000 Jahren Bewegung in das System der Feudalherrschaften und auch Zünfte  auch in unserer Region.

Dazu nur die Stichworte

Immanuel Kant : Selbstbestimmung des Individuums  und die  französische Revolution

Schon ab ca. 1800 wurden auch die bis dahin genossenschaftlich betriebenen Markregionen unter den Bauern verteilt. Der Bauer durfte soviel Vieh in die Mark einer Gemeinde treiben, die er über den Winter durchfüttern konnte! Die Gemeindemarken hatten prinzipiell nicht die besten Böden teils aber auch Baumbestand. Hier war  natürlich eine flächenmäßige Bevorzugung der großen Höfe die Folge!

Das reformunfähige Preußen sah sich spez. nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt (Okt.1806) endgültig zu Reformen gezwungen und das Oktoberedikt aus dem Jahr 1807 von König Friedrich Wilhelm III war der einschneidende Wendepunkt für die Bevölkerung:

Ab Martini 1810 gibt es nur noch freie Leute!

Erwerb und freie Verfügung über Grundeigentum  und Freiheit  über die eigenen  persönlichen Verhältnisse für  die  Landbevölkerung. Dies benötigte aber die Lösung  der bisherigen Lehnsverhältnisse.

Freiherr v. Stein, ferner Regierungspräsidenten in Münster v. Vincke und von Hardenberg machten nach 1816 nach der Bauernbefreiung Vorschläge zu nötigen Reformen zur Realisierung auf den Weg mit unterschiedlichen Konzeptionen.

Es gab zwei Lösungsideen:

Freiherr von Stein propagierte Ablösung gegen Land  an den ehemaligen Grundherrn mit dem Ergebnis, dass die Restfläche evtl. unwirtschaftlich wurde und zur Hofaufgabe zwang.

Von Vincke empfahl keine Landabgabe sondern eine Ablösesumme mit Zwischenfinanzierung durch eine Bauernrentenkasse an den ehemaligen Grundherrn über bis zu 40 Jahre und dieses Übergabemodell wurde in unserer Region in üblicher Form angewendet.

Die Ablösesumme war ca. das 18 bis 20fache der bisherigen Jahresabgabeordnung.

1825 wurde der 25fache Satz der Jahrespacht in Geldwert festgesetzt, ab 1850 der 18fache Satz

Die Bauern die dabei insolvent wurden mit ihren teils zahlreichen Kindern wurden von den Städten und der beginnenden Industrialisierung aufgefangen oder man  war zur Auswanderung gezwungen z.B. nach  Amerika! In diesem Zusammenhang überaus empfehlenswert der Besuch des Auswanderhauses in Bremerhaven.

Die Lage für Holzwickede war für die Landwirtschaft  durchaus entspannter. Hier waren die Kleinbauern eher ähnlich einem Pächter. Die adligen  Grundbesitzer bearbeiteten häufig ihre Ländereinen nicht selbst. Zeitlicher Druck und außerordentliche finanzielle  Belastung  für die Bauern fehlte also weitestgehend, da sie den Gewinn selbst bis auf die Pacht behalten konnten. Die Lehnrechtsablösung  zum freien Bauern in unserem örtlichen   Bereich  datiert daher  relativ spät ab den ca. 1830er Jahren und  lief wohl im Wesentlichen problemlos. Negative Notizen dazu konnte ich nicht finden.  Ganz im Gegensatz zu den ostelbischen Großgrundbesitzern, diese waren selbst Bewirtschafter und haben ihre Kleinbauern nach 1810  häufig  aus den Lehnsverhältnissen verdrängt („Bauernlegen“).

Bauernhäuser d.h. die Hofstelle  ist seit  dem Jahr 1998  zum Privatbesitz gehörig und dadurch durch Lage und Größe häufig das Wertvollste am alten Hof geworden.

Zur Abrundung  im Ausflug der bäuerlichen Gegebenheiten noch einige Zahlen:

Nur ca. 3% der Erdoberfläche sind landwirtschaftlich nutzbar. 1 Milliarde Menschen leiden an Hunger und das Jahr 2050 erwartet evtl. den 10milliardsten Erdenbürger. Dennoch liegt  aktuell kein Erzeuger- sondern  ein Verteilungsproblem  vor und ca. 80kg Nahrungsmittel pro Person gehen in Deutschland ungenutzt in die  Entsorgung! 2/3 der Getreideproduktion geht in die Massentierhaltung, die weit entfernt ist vom Bauernhof noch zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Aber nur spezialisierte landwirtschaftliche Großbetriebe  können aktuell noch wirtschaftlich arbeiten und existieren.

Zurück zum Haus Ruhr in Lappenhausen.

Das weitere Schicksal vom Wirtschaftshof Lappenhausen nach dem 2. Weltkrieg   führt uns noch einmal kurz auf den Segelflugplatz auf dem Truppenübungsplatz in Hengsen, eingerichtet nach  Enteignung der Bauern durch das Wehrmachtsgesetz aus dem Jahr 1935.

 

 

 

Die Reichsumsiedlungsgesellschaft mit der Zentrale in Berlin und ca. 50 Dependancen im Deutschen Reich arbeitete auf der Grundlage des Gesetzes über die Landbeschaffung für Zwecke der Wehrmacht vom 29. März 1935. Grundstücksabsichten wurden hier konsequent dem Einzelfall angepasst bis zum gewünschten Erfolg durch Nötigung zum Verkauf bzw. bis zur Enteignung. Dazu ein Blick auf das südliche Gelände  in Hengsen Richtung Ruhr.

 

Das rote Rechteck belegt den Segelflugplatz mit seinen flachen Gebäuden  und Zugang rechts über die Brauckstrasse und Hof Dieckmann, hier später Tacke und Schmidt. Die 2 roten Rechtecke dokumentieren den ehemaligen Standort Haus Vierbecke unterhalb des Vogelberges und noch  ein kleiner Teich findet sich (Reste der Gräfte?). Die Ruhr ist links oben mit 3 roten Rechtecken  gekennzeichnet und der von den Dortmunder Stadtwerken angelegte Stausee(1934/36) hat 4 rote Zeichnungen.

 

Oben Segelflugzeug  in Hengsen vor der Landung. Leitwerk mit Hakenkreuz versehen. Die Flugschüler rekrutierten sich aus der Hitlerjugend und das restliche Wirtschaftsgebäude Haus Vierbeck war Standort der Schule. Sicherlich war dies auch eine „Vorschule“ zur Kampfflugzeugausbildung der Luftwaffe. Fluglehrer war Peter Krämer und er wohnte mit Familie im Haus Vierbeck, das Ende des 2. Weltkrieges aber für Flüchtlinge gebraucht wurde, die aus der Landwirtschaft im Osten kamen.

Peter Krämer wurde  angewiesen die Wirtschaftsgebäude Haus Ruhr zu nutzen

 

Die Gebäudereste  Haus Ruhr waren  in einem desolaten Zustand als die Familie Krämer umzog.

Fortsetzung bei Gelegenheit angedacht, Ihr E.-M.Eden, Holzwickede